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Katja Barloschky
Helmut Spitzley

Arbeit für alle - zu neuen Bedingungen

Bausteine einer Arbeitspolitik für das 21. Jahrhundert
- Wege zu einem neuen Gesellschaftsvertrag

Inhalt:
Abschied von Illusionen
Aber gerecht müsste es sein
Frauen sind Spitze
Arbeit ist mehr als Erwerbsarbeit
Gedankenexperiment: Neue Normalarbeitszeit
Für einen Perspektivwechsel: Bausteine einer neuen Arbeitspolitik
Baustein 1: Zwei Fliegen mit einer Klappe
Baustein 2: Kürzer arbeiten lohnt sich
Baustein 3: Entlassungen vermeiden
Baustein 4: Das Staffelholz weitergeben
Baustein 5: Aus zwei mach drei
Baustein 6: Bündnis für Arbeit im öffentlichen Dienst
Baustein 7: Arbeitsplätze auf Kredit
Baustein 8: Zentren für neue Arbeit
Baustein 9: Innovations-Arbeit statt Sozialhilfe
Baustein 10 Stipendien für Bürger-Arbeit
Baustein 11: Häuser der Eigenarbeit
Baustein 12: Neue Arbeit will gelernt sein
Zeit-Haben und Genießen-Können

Fast 5 Millionen registierte Erwerbsarbeitslose zu Beginn dieses Jahres lassen wenig Raum für Illusionen. Wenn Politiker behaupten, diese Massenarbeitslosigkeit sei konjunkturbedingt und ließe sich mit den gängigen wirtschaftspolitischen Instrumenten überwinden, werden sie kaum mehr ernst genommen. Gleichzeitig fordern Erwerbslose immer lautstärker ihr "Recht" auf Teilhabe an Arbeit und dem durch Arbeit geschaffenen Reichtum. Sie organisieren sich, machen sich sichtbar und begehren auf gegen Stigmatisierung und Individualisierung. Denn Erwerbslosigkeit ist nicht nur ein individuelles, sondern vor allem ein gesellschaftliches Problem.

Immer mehr Menschen spüren, daß Arbeit verbindet und "Nicht-Arbeiten-Dürfen" spaltet. Auch deshalb mehren sich die Stimmen derjenigen, die genug haben von “Schwarze-Peter“-Spielen und nach neuen Wegen suchen.

An dieser Suche wollen wir uns beteiligen. Wir stellen Bausteine einer neuen Arbeitspolitik zur Diskussion, die sich ergänzen, aber auch unabhängig von einander realisiert werden können und teilweise bereits realisiert werden. Es sind Teile eines Puzzles, das Wege zu einem neuen Gesellschaftsvertrag zeigt: Arbeit für alle - zu neuen Bedingungen!

Abschied von Illusionen

Seit mehr als einem Vierteljahrhundert versprechen Bundesregierungen, das "Gespenst der Arbeitslosigkeit" durch Umverteilung von unten nach oben, durch Investionsförderung und Wachstum zu vertreiben. Das Ergebnis dieses Großexperiments: 5 Millionen Arbeitslose - Tendenz steigend.

Ein Teil der von Krieg und dem materiellen Mangel der Nachkriegszeit geprägten Generation klammert sich zwanghaft an die Hoffnung auf Wirtschaftswachstum. Träumen sie insgeheim von längst vergangenen Wachstumsraten und einem synchronen Anstieg der Arbeitsplätze?

Solche Wachstumsraten sind - trotz massiver Investitionsförderungen durch den Staat - unwiederbringlich vorbei. Nur Illusionisten behaupten, allein durch Wachstum Vollbeschäftigung zu den alten Bedingungen wieder erreichen zu können.

Einige Daten: In Westdeutschland ist die Arbeitsproduktivität zwischen 1960 und 1994 um 233 Prozent (!!!) gestiegen (Senatsverwaltung... 1996)

Und auch die Kaufkraft ist wesentlich gewachsen. Während zu Beginn der 60er-Jahre ein durchschnittlicher Arbeitsnehmer noch 39 Minuten arbeiten mußte, um 250 g Butter erwerben zu können, waren es Mitte der 90er-Jahre nur noch 6 Minuten. Im gleichen Zeitraum veränderte sich die durchschnittliche Arbeitszeit je Beschäftigter aber vergleichsweise wenig, sie sank lediglich um 26 Prozent.. (Institut der deutschen Wirtschaft 1995)

Als Folge des hohen Produktivitätswachstums und der vergleichsweise niedrigen Arbeitszeitverkürzung wuchs die Zahl der Erwerbslosen.

"kurzen Traum der immerwährenden Prosperität" (Burkhart Lutz) ist ausgeträumt. Bei vielen Erwachsenen und den meisten Jugendlichen ist diese Erkenntnis bereits angekommen. Fast 90 Prozent der Jugendlichen erwarten, daá "es immer weniger Arbeitspl„tze geben" wird und in Zukunft "noch mehr Menschen arbeitslos" werden (Shell-Jugendstudie 97).

Wenn wachsende Erwerbslosigkeit und damit die weitere Aufspaltung der Gesellschaft verhindert werden sollen, ist über neue Formen der Teilung von Arbeit, Einkommen und Zeit nachzudenken.

Aber gerecht müßte es sein

Wer von Arbeitslosigkeit redet, darf über Reichtum nicht schweigen. Noch nie in der deutschen Geschichte gab es so hohe private Vermögen und soviele Einkommensmillionäre, die sowenig beitragen zur Finanzierung von gesellschaftlichen Aufgaben. Eine Analyse des nordrhein-westfälischen Finanzministeriums ergab, daß es den untersuchten 633 Einkommensmillionären gelungen war, durch das Nutzen von Steuerschlupflöchern allein 1995 Steuerausfälle von knapp einer Milliarde DM zu produzieren.

"Die Gewinne von gestern, sind die Investitionen von heute und die Arbeitsplätze von morgen", mit dieser neoliberalen Doktrin hatte Altbundeskanzler Schmidt bereits in den 70er-Jahren behauptet, Investitionsförderung sei die beste Beschäftigungspolitik. Die Regierung Kohl betreibt seitdem systematisch die Umverteilung zu Gunsten der Kapitaleinkommen.

Aber diese Doktrin wird durch die Realität widerlegt: Während die deutschen Unternehmen 1997 Exportüberschüsse wie nie und viele Unternehmen Rekordgewinne erzielten, sank die Zahl der Erwerbstätigen um eine halbe Million auf den niedrigsten Stand seit der deutsch-deutschen Vereinigung. Platte Apelle an die "Opferbereitschaft" der abhängig Beschäftigten stoßen auf die langjährige praktische Erfahrung, daß Verzicht nicht automatisch zu mehr Beschäftigung führt. Die Angst vor dem Abrutschen in Erwerbslosigkeit und soziale Unsicherheit verstärken Beharrungswünsche und machen unbeweglich. So blockiert die offenkundige Gerechtigkeitslücke das Entwickeln neuer Einsichten und die Herausbildung zukunftsfähigen Verhaltens (Hondrich, Koch-Arzberger 1994, Schmid 1994).

Der volkswirtschaftliche Preis für dauerhafte Ausgrenzung von 5 Millionen Erwerbslosen ist hoch. Allein die Kosten der Arbeitslosigkeit betrugen im letzten Jahr nach Berechnungen der Bundesanstalt für Arbeit rund 160 Mrd DM.

Noch höher sind wahrscheinlich die gesellschaftlichen und politischen Kosten. Wieviel soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit verträgt die Bundesrepublik Deutschland, bevor der Kitt des gesellschaftlichen Konsenses aufweicht und das relativ friedliche Zusammenleben aufgekündigt wird?

Frauen sind Spitze

Flexible Reserve, Brüche in der Erwerbsbiografie, ungesicherte Lebensverhältnisse - diese bisher Frauen vorbehaltenen "Privilegien" gelten inzwischen allgemein und werden normbildend. Je nach Definition sind nur noch 30 bis 60 Prozent aller Erwerbstätigen in "Normalarbeitsverhältnissen" beschäftigt. Teilzeit als Form unterbeschäftigter und unterbezahlter Erwerbsarbeit, ungeschützte Beschäftigungsverhältnisse, die Einengung auf schlechtbezahlte Berufsfelder und in Folge davon Abhängigkeiten und Armutsrisiken treffen mittlerweile auch einen Teil der Männer.

Zugleich gerät das weibliche Lebens- und Arbeitsmodell durch den sozialen Wandel unter Druck: die Individualisierung der Gesellschaft geht weiter und ist nicht rückgängig zu machen. Ehe und Familie garantieren keine lebenslange Versorgung mehr. Neue, emanzipatorische Formen der Lebensführung müssen gesucht und gefunden werden - nicht nur von Frauen.

Fordert und fördert die Krise der Erwerbsarbeit bislang verdeckte Chancen auch für ein neues Geschlechterverhältnis?

"Frauen bilden in ihrem Sozialstatus den Anfang vom Ende, nämlich einer weiteren Anpassung nach unten hin - oder den Anfang eines neuen Beginns von mehr Gerechtigkeit" (Mechthild Jansen). So wird aus der "Frauenfrage" mehr denn je eine allgemeine gesellschaftspolitische Frage - und damit ein Dreh- und Angelpunkt bei der Suche auch nach der Zukunft der Arbeit.

Arbeit ist mehr als Erwerbsarbeit

Die öffentlichen Debatten um den Standort Deutschland kreisen fast ausschließlich um den Bereich der formellen, geldvermittelten Ökonomie. Sie sind daher blind für andere Bereiche von Wirtschaft und Arbeit. Das Statistische Bundesamt hat ermittelt, daß nur 38 Prozent der in Deutschland geleisteten Arbeit bezahlt, aber 62 Prozent unbezahlt geleistet wird - vor allem von Frauen (vgl. Statistisches Bundesamt 1995) Wir leben und arbeiten in einer "Pluralen Ökonomie". Arbeit wird an vielen verschiedenen Orten geleistet, in und außerhalb von Unternehmen, innerhalb und außerhalb der Geldwirtschaft. Plurale Ökonomie ist das Wechselspiel zwischen marktvermittelter, gegen Geld getauschter Erwerbsarbeit, unbezahlter Eigenarbeit (einschließlich Hausarbeit) und Arbeit im Non-profit-Sektor. Erst in einer Gesamtbetrachtung kann Arbeit also wirklich verstanden, können Entwicklungsoptionen bewertet und eine neue Symbiose zwischen den verschiedenen Arbeitsformen angestrebt werden (vgl. Spitzley 1998).

Eigenarbeit ist etwas sehr altes und selbstverständliches. Es sind Tätigkeiten für sich selbst, die Familie, Nachbarn, Freunde oder auch für unbekannte Menschen. Eigenarbeit kann Qualitäten enthalten, die viele Menschen in ihrer Erwerbsarbeit nicht oder zu wenig finden: Selbstbestimmung der Produkte und deren Gestaltung, Eigenverantwortlichkeit in der Organisation der Arbeit, Einfluß auf die Auswahl der Mit-Arbeiter/innen, eigenständige Entscheidungen über das Arbeitstempo, die Lage und Länge von Arbeitszeiten ... (vgl. Weizsäcker C. v., Weizsäcker, E. 1978, Heinze, R., Offe, C. 1990, Ullrich, O. 1993). Arbeit in Non-profit-Bereichen umfasst bezahlte wie unbezahlte Tätigkeiten in Vereinen, Selbsthilfegruppen, alten und neuen Genossenschaften, Gewerkschaften, politischen Parteien und vielen anderen gemeinnützigen Organisationen. Denen, die sich daran beteiligen, würde ohne diese Arbeit in ihrem Leben Wichtiges fehlen und mehr noch den anderen, die von dieser Arbeit profitieren. Ohne Tätigkeiten in Non-profit-Bereichen wären viele gesellschaftlich wichtigen Organisationen und Institutionen funktionsunfähig, könnte eine zivile Gesellschaft nicht existieren.

Wer bei der Gestaltung der Zukunft der Arbeit nicht nur die Erwerbsarbeit fördern will, muß auch für Eigenarbeit und die Arbeit in Non-profit-Bereichen öffentliche Anerkennung, Räume, Technologien, Rechte, Bildung und vorallem die Bereitschaft und die Zeit von Menschen, sich an ihr zu beteiligen, schaffen.

Gedankenexperiment: Neue Normal-Arbeitszeit

Das Gefühl angespannt und überfordert zu sein, in Hetze zu leben und keine Zeit zu haben für die "wichtigen Dinge des Lebens" ist in den Industriegesellschaften weit verbreitet. Viele Menschen wünschen sich daher kürzere Erwerbsarbeitszeiten und mehr freie Zeit "für sich". Wenn die Beschäftigten - einer Untersuchung des Kölner ISO-Instituts zu folge - ihre Arbeitszeit (ohne Lohnausgleich) selbst festlegen könnten und auf Mehrarbeit verzichten würden, ergäbe sich rechnerisch ein Potential von 2,6 Millionen Arbeitsplätzen (vgl. Institut zur Erforschung sozialer Chancen 1996).

Als Folge des Produktivitätsfortschritts kann entweder Jahr für Jahr ein größeres Gesamtprodukt in der Gesellschaft verteilt oder die durchschnittlichen Realeinkommen können beibehalten und die Produktivitätsgewinne für die Senkung der Erwerbsarbeitszeit genutzt werden.

Die tatsächlichen Erwerbsarbeitszeiten liegt gegenwärtig in Westdeutschland bei durchschnittlich 38 Wochenstunden. Gehen wir in einem Gedankenexperiment davon aus, daß eine jährliche Reduktion in Höhe des realen Produktivitätszuwachses (2 Prozent/Jahr) vereinbart wird, dann ergibt sich für das Jahr 2005 eine durchschnittliche Arbeitszeit von 33 Stunden, im Jahre 2010 von 30 Stunden und im Jahre 2020 von unter 25 Stunden. Bei unveränderten Verteilungsrelationen zwischen Kapital und Arbeit würden die durchschnittlichen Realeinkommen zwischen 1998 und 2020 dabei konstant bleiben. Wenn Erwerbsarbeit und Einkommen ab sofort auf eine größere Zahl von Personen verteilt und die heute Erwerbslosen daran beteiligt werden, ist die 25-Stundenwoche für alle noch schneller zu erreichen.

Mit der Definition einer "neuen Normalarbeitszeit" von z. B. zunächst 30 Wochenstunden (oder einer entsprechenden Jahresarbeitszeit) könnte eine Orientierungsmarke gesetzt werden nicht nur für die Individuen und ihre Familien, sondern auch für betriebliche Interessenvertretungen, Tarifparteien und staatliche Politik. Eine "Vollbeschäftigung neuen Typs" wäre dann erreicht, wenn Erwerbsarbeit im Umfang dieser neuen Normalarbeitszeit jederfrau und jedermann verfügbar wäre.

Eine entsprechende Reduktion der Erwerbsarbeitszeit hätte neben der Entlastung des Arbeitsmarktes auch andere positive Wirkungen: z. B. Verminderung von arbeitsbedingten Belastungen und gesundheitlichen Beeinträchtigungen einerseits und andererseits der Vereinbarkeit von Beruf und Familie und Erhöhung des allgemeinen Zeitwohlstandes.

Für einen Perspektivwechsel: Bausteine einer neuen Arbeitspolitik

Der Weg in eine zukunftsfähige Arbeitsgesellschaft führt also über eine Neuverteilung von Arbeit, Einkommen und Zeit - orientiert an Gerechtigkeit, Geschlechtersolidarität und ökologischer Zukunftssicherung.

Dieser Weg wird voller Stolpersteine und lang sein. Richtung und Wegstrecken werden nicht von oben verordnet werden können - gefragt sind vielmehr "die nächsten Schritte". Handeln braucht überschaubare Bereiche und Mut für Experimente.

Dafür sind eine andere Entwicklungslogik, Phantasie und ein radikaler Perspektivwechsel notwendig. Nicht mehr Strategien entlang marktradikaler oder staatsinterventionistischer Reinheitsgebote sind gefragt, sondern Programme und Projekte, die Menschen jetzt eine Chance geben, sich selbst zu helfen. Es gilt, menschenrechtliche, auf demokratische Teilhabe an Arbeits- und Lebensprozessen zielende Ansätze zu entwickeln und in der Praxis erfahrbar zu machen.

Die folgenden Bausteine beinhalten Ideen und Vorschläge, aber auch bereits realisierte "best practise"-Beispiele. Sie setzen auf den Handlungswillen und die Fähigkeiten aufgeklärter Politik und zugleich auf eine individuelle Bewegungsdynamik "von unten".

Denn es gilt ein neues Wechselspiel zwischen den verschiedenen Politikebenen zu organisieren, einerseits den Rahmen zu verändern, wie es z. B. die Bausteine 1 und 2 vorschlagen und andererseits "unten" anzusetzen, bei den konkreten Handlungsmöglichkeiten von Individuen und Institutionen in Bremen. Neue Wege von private-public-partnership in der Finanzierung und Gestaltung von Projekten können zu einer solchen Dynamisierung ebenso beitragen wie Anreizsysteme für "Bürgerarbeit" oder die Organisation des Teilens als "Plus-Summen-Spiel".

Diese Bausteine praktischen Handelns und des "Ausprobierens" kleiner solidarischer Gesellschaftsverträge sollen bestehende Beschäftigungsprogramme oder andere Initiativen nicht ersetzen. Schon gar nicht erheben sie den Anspruch auf Vollständigkeit.

Baustein 1: Zwei Fliegen mit einer Klappe

Die beiden größten Probleme des 21. Jahrhunderts haben Namen: Umwelt und Arbeit. Was liegt also näher als eine integrierte Arbeits- und Umweltpolitik?

Nach Schätzungen von Martin Jänicke, werden in der Europäischen Union etwa 50 % der Steuern auf den Faktor Arbeit erhoben, aber nur 10 % auf den Naturverbrauch. Die steuerpolitischen Weichen sind also gestellt auf Beseitigung von Arbeitsplätzen bei gleichzeitiger Verschleuderung von Natur. Wer also will, daß mehr Erwerbsarbeitsplätze entstehen und weniger Umwelt verbraucht wird, muß die Weiche umstellen. Eine steuerlich stärkere Belastung des Energie- und Umweltverbrauchs schafft Anreize zum Ressourcenschutz und zur Minderung von Emmissionen. Eine hiermit korrespondierende Senkung der Lohnzusatzkosten, würde den "Faktor Arbeit" verbilligen und Erwerbsarbeitsplätze sichern und schaffen.

Selbst wenn aus einer ökosozialen Steuerreform nicht alle Interessengruppen Vorteile zögen, könnte die Gestaltung des Steuertarifs als Positiv-Summen-Spiel angelegt werden und in der Gesamtsumme positive ökologische und arbeitspolitische Ergebnisse erzielen.

Würden in Deutschland Vorschläge des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) aufgegriffen und umgesetzt, entstünden voraussichtlich eine halbe Million zusätzlicher Arbeitsplätze (in Bremen mehrere Tausend) vor allem im Maschinenbau, dem Baugewerbe und in den Dienstleistungen (vgl. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung 1994).

Bremens Einfluß auf die Steuerpolitik des Bundes ist gering. Aber auch die Förderprogramme der Senatorin für Umweltschutz verbinden Umwelt- und Arbeitspolitik und schaffen - in bescheidenem Umfang - Arbeitsplätze in der Region (vgl. Lübbing - von Gaertner 1997).

Baustein 2: Kürzer Arbeiten lohnt sich

Wer die Verteilung der Arbeit auf mehr Köpfe fördern will, muß die Verkürzung der Arbeitszeit ökonomisch attraktiv machen. Dabei können indirekt wirkende Regelungen einen sanften, aber wirksamen Sog in Richtung auf Verkürzung und Neuverteilung von Erwerbsarbeitszeit ausüben.

Die Grundidee des Modells ist einfach: Arbeitszeiten, die ein bestimmtes Volumen im Sinne einer "Normalarbeitszeit neuen Typs" (z. B. 30 Stunden/Woche) nicht übersteigen, werden finanziell bevorzugt, etwa indem sie ganz oder teilweise von Einkommenssteuern und/oder Sozialabgaben freigestellt werden (Bonus). Andererseits sind Einkünfte, die in darüber hinausgehenden Arbeitszeiten erzielt werden, entsprechend stärker zu belasten (Malus).

Konkrete Vorschläge finden sich bei der Arbeitsgruppe“Umverteilung der Arbeit“ der SP Schweiz (1995) und M. Beck (1997).

Einen Schritt in diese Richtung hat auch bereits das Europaparlament mit der Empfehlung getan, die Sozialversicherungsbeiträge für die ersten 32 Stunden z. B. um 2 DM zu senken und für die darüber hinausgehenden Stunden stattdessen um 8 DM zu erhöhen.

Bonus-Malus-Systeme können prinzipiell aufkommensneutral gestaltet werden, sodaß öffentliche Haushalte oder Sozialversicherungsträger nicht belastet werden müssen. Die Anwendung von Bonus-Malus-Systemen in der Arbeitszeitpolitik ist konzeptionell noch wenig entwickelt. Vielleicht liegt aber gerade hierin eine Chance für konsensorientierte Aushandlungsprozesse und kluge Ausgestaltungen.

Baustein 3: Entlassungen vermeiden

Am Anfang stand die Krise. Nach Milliardenverlusten und mitten in einer tiefgreifenden Absatzflaute kündigte 1993 die Volkswagen AG die Entlassung von 20 000 MitarbeiterInnen an. Die Alternative war die Absenkung der Arbeitszeit für alle um 20 Prozent und der Bruttoeinkommen um 16 Prozent (aufgrund der Staffelung der Steuertarife war der Nettoverlust deutlich geringer). Die Einführung der "4-Tage-Woche" schien allen von der Krise betroffenen Parteien klüger als Massenentlassungen.

Das Unternehmen senkte auf diese Weise Personalkosten ohne Sozialpläne aushandeln oder Abfindungen zahlen zu müssen, behielt seine qualifizierten und eingearbeiteten Mitarbeiter, vermied Konflikte im Betrieb und Imageschäden in der Öffentlichkeit.

Um Entlassungen abzuwenden wurde der erzwungene Tausch "Einkommen" gegen "Arbeitsplatzsicherheit und freie Zeit" von den MitarbeiterInnen mehrheitlich angenommen. Nur 16 Prozent erklärten sich als "unzufrieden".

Vorliegende Untersuchungen belegen auch, daß Arbeitszeitverkürzungen nach dem VW-Modell auch gesamtfiskalisch gegenüber Massenentlassungen vorteilhaft sind.

Ausführlich: Hartz 1994, Hartz 1996, Peters, J. 1994, Promberger u. a. 1996, Promberger u. a. 1997, Jürgens, K. u. a. 1998.

Die Tarifparteien der Metallindustrie haben Beschäftigungssicherungsverträge abgeschlossen, die es erlauben, zur Abwehr von Entlassungen Betriebsvereinbarungen über Arbeitszeitverkürzungen zu treffen. In Unternehmen, in denen Entlassung drohen, können seitdem Betriebsräte beschäftigungssichernde Arbeitszeitverkürzungen durchsetzen - notfalls über die Einigungsstelle auch gegen die Unternehmensleitungen.

Trotz der gegenwärtig fehlenden Flankierung durch die Bundespolitik wurde das Modell bereits vielfach genutzt. Als die Daimler Benz AG im Rahmen des Kostensenkungsprogramms Dolores bei DASA in Bremen Massenentlassungen plante, konnte der Betriebsrat auf diese Weise betriebsbedingte Kündigungen abwenden.

Das Modell könnte weiterentwickelt und auch zur Einstellung neuer MitarbeiterInnen angewendet werden. Über entsprechende Vorschläge der IG Metall wird im Tarifbezirk Hannover gegenwärtig verhandelt. In Zukunft könnte an tarifvertragliche oder gesetzliche Regelungen gedacht werden, die betriebsbedingte Kündigungen solange grundsätzlich ausschließen, wie die durchschnittliche betriebliche Arbeitszeit höher liegt als die skizzierte "Normalarbeitszeit neuen Typs".

Baustein 4: Das Staffelholz weitergeben

Viele älterer ArbeitnehmerInnen wünschen sich kürzere Arbeitszeiten und gleichzeitig suchen junge Leute Erwerbsarbeit. Beides kann zusammengebracht werden.

Die Bremer Straßenbahn AG zeigt den Weg: Wenn zwei Beschäftigte der BSAG bereit sind, ihre Arbeitszeit zu halbieren, stellt das Unternehmen einen arbeitslosen Arbeitnehmer ein. Das Angebot gilt für alle über 55-jährigen Mitarbeiter. Statt 50 % Teilzeit-Einkommen erhalten die "Alt"-Beschäftigung durch Aufstockung aus Mitteln der Bundesanstalt für Arbeit 70 %. Die BSAG erhöht den Betrag auf 85 % und macht das Angebot dadurch erst interessant. Arbeitsdirektor Resch: "Über 100 Interessenten haben sich bereits gemeldet." Wird deren Arbeitszeitverkürzung realisiert, kann die BSAG 50 Arbeitslose neu einstellen.

Die Regelung des BSAG-Modells ist kostenneutral, denn durch eine 1996 vereinbarte Tarifabsenkung für Neueinstellung und die erwarteten geringeren Gesundheitsbelastungen und Krankheitskosten werden die auf das Unternehmen fallende Kostenbeteiligung von 15 % ausgeglichen.

Eine andere Variante dieses "Stafettenmodells" könnte statt einer Tarifsenkung eine (zeitweilige) Arbeitszeitverkürzung für neue Mitarbeiter z. B. auf 30 Stunden vorsehen (vgl. etwa Hartz 1994).

Baustein 5: Aus zwei mach drei

Der christdemokratischer Bürgermeister Bernhard Kroemer wollte die Kindergärtnerinnen im sächsischen Coswig nicht in die sichere Dauerarbeitslosigkeit entlassen. Er erfand das "Sonntagsjahr".

Die Erzieherinnen arbeiten seitdem zwei Jahre und gehen danach mit Anspruch auf Arbeitslosengeld in eine befristete Arbeitslosigkeit. Nach einem Jahr werden sie wieder von der Stadt Coswig eingestellt. Kroemer rechnet vor, daß dieses Modell nicht nur sozialverträglich, sondern auch volkswirtschaftlich sinnvoller ist als Entlassungen in Dauerarbeitslosigkeit.

Dennoch blockiert die Bundesanstalt für Arbeit dieses Modell, sodaß gerichtliche Auseinandersetzungen stattfinden (vgl. Karsten, Mückenberger 1996).

Nicht nur die Gewerkschaften treten für Arbeitszeitverkürzungen und Umverteilung der Erwerbsarbeit ein (Deutscher Gewerkschaftsbund 1997). Auch Helmut Hagemann von der Unternehmensberatung McKinsey& Company kann entsprechend positive Erfahrungen vorweisen und vertritt die Auffassung, daß bei einer klugen Organisation "Teilen und Gewinnen" zusammengehen können (vgl. McKinsey& Company 1994; siehe auch Baillod, J. u. a. 1997 und FH Symposium 1997).

In Dänemark wird Beschäftigten offiziell angeboten, zeitweilig Arbeit und Einkommen an einen Arbeitslosen abzugeben. Sie können sich in der gewonnenen Zeit auf Kosten des Arbeitsamtes weiterqualifizieren. In der Schweiz werden derzeit im Baugewerbe und in einer Telefongesellschaft Pilotprojekte zur Arbeitszeitverkürzung und Umverteilung von Arbeit durchgeführt, bei denen sich das Arbeitsamt beteiligt. Auch in Bremen wird bereits in einzelnen Bereichen "Geld gegen freie Zeit" getauscht z. B. bei der Angestelltenkammer und in der Evangelischen Kirche. Angestellte des Lidicehaus nehmen unbezahlt Urlaub oder nutzen einen Teil des Weihnachtsgeldes, damit mehr Auszubildende eingestellt werden können.

Baustein 6: Bündnis für Arbeit im öffentlichen Dienst

Schon seit mehr als zehn Jahren fordert der Berliner Hochschullehrer Peter Grottian ein Beschäftigungsbündnis im öffentlichen Dienst. Er hat als einer der ersten Ernst gemacht, arbeitet seitdem gemeinsam mit einem Kollegen höchst zufrieden auf 2/3-Stellen. Mit dem frei werdenden Geld wird eine Kollegin ebenfalls auf einer 2/3-Stelle beschäftigt. Verallgemeinerbar?

Acht Millionen Menschen arbeiten in Deutschland im öffentlichen Dienst oder in ähnlichen Bereichen. Wenn die oberen Gehaltsgruppen auf 10 % Gehalt verzichten und 10 % weniger arbeiten, die mittleren auf 5 % verzichten und entsprechend weniger arbeiten und die unteren Gehaltsgruppen den Inflationsausgleich erhalten, können nach Grottians Berechnungen 300 000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden.

Dieser Vorschlag stößt in der Öffentlichkeit auf große Zustimmung. Eine repräsentative Umfrage ergab, daß 64 % dafür, 12 unentschlossen und nur 24 dagegen sind. Besonders bemerkenswert ist, daß 73 % der im öffentlichen Dienst Beschäftigten und 69 % der Gewerkschaftsmitglieder dem Vorschlag zustimmten (vgl. Grottian 1995).

Allerdings steckt der Teufel im Detail (vgl. Keller 1997). So muß sichergestellt werden, daß die frei werdenden Mittel tatsächlich zum Erhalt von Arbeitsplätzen bzw. Neueinstellungen eingesetzt werden. Hieran u. a. sind bislang Umsetzungsversuche in Bremen gescheitert.

Das auch auf regionaler Ebene Vereinbarungen möglich sind, zeigt etwa das Land Sachsen-Anhalt, das - beraten durch den Bremer Rechtsanwalt Fritz Dopatka - einen Solidarpakt mit den Lehrergewerkschaften abgeschlossen hat ("Magdeburger Konsens").

Baustein 7: Arbeitsplätze auf Kredit

Steuerminderungen für Unternehmen und Investitionsförderungen werden regelmäßig damit legitimiert, daß dies "Beschäftigungspolitik" sei - ein unsicherer Umweg mit zweifelhaftem Erfolg. Warum Unternehmen Geld schenken, damit sie vielleicht Arbeitsplätze schaffen, wenn Beschäftigungspolitik auch direkt geht?

Wir schlagen daher in Anlehnung an Grottian vor, einen Teil der üblichen Wirtschaftsförderung zur direkten Schaffung von Arbeitsplätze zu nutzen:

Im Rahmen eines Modellversuchs könnte in Bremen 300 Erwerbslosen ermöglicht werden, bei einer Bank Risikokapital in Form eines "Arbeitsplatzkredits" aufzunehmen. Der Kredit sollte ausreichen, ganz oder teilweise die benötigte Einkommenssumme für drei Jahre zu decken.

Ausgestattet mit diesem Kapital suchen sie sich einen für sie passenden Arbeitsplatz bei einem Arbeitgeber ihrer Wahl und schließen einen normalen tariflichen Arbeitsvertrag ab. Oder sie entwickeln ein Existenzgründungskonzept und setzen den Kredit zu dessen Realisierung ein. Der Kredit wird in Höhe der üblichen Existenzgründungsdarlehen verzinst und in festen Raten an die Bank zurückgezahlt. Je nach erreichtem Einkommen könnten die "Neu-Beschäftigten" nach dem dritten Jahr einen Teil der Tilgungsraten tragen. Nutznießende Unternehmen und Staat hätten den restlichen Abtrag zu übernehmen.

Grottians konkrete Ausführungsvorschläge scheinen geeignet, einerseits Mitnahmeeffekte und andererseits bürokratische Hürden zu begrenzen.

Im Rahmen eines bremischen Modellversuchs können Zuschüsse etwa aus der "freien Förderung" des Arbeitsamtes oder der Sozialhilfeträger in Höhe der eingesparten Leistungen hinzutreten. Tilgungssummen und Bürgschaftsrisiken würden dadurch noch weiter verteilt und minimiert.

Baustein 8: Zentrum für Neue Arbeit

Das Motto des Amerikaners Fritjof Bergmann lautet: "Das Gold in den Köpfen der Menschen heben" (Bergmann 1990, 1997).

Das von ihm anlässlich von Massenentlassungen in der Detroiter Automobilindustrie entwickelte Konzept der "New Work" geht davon aus, daß die vorherrschende Erwerbsarbeit oft monoton, einseitig belastend und wenig identitätsstiftend ist. Gleiches gilt für erzwungene Arbeitslosigkeit. Viele menschliche Fähigkeiten bleiben daher unentdeckt.

Daher fragt Bergmann die von Entlassung bedrohten oder bereits erwerbslosen Menschen danach, "was sie wirklich, wirklich wollen. Die Vorstellung, daß das, was sie tief im Inneren und mit allem Ernst WOLLEN, wichtig sein könnte, und daß sich daraus Handlungsmöglichkeiten und Erfüllung ergeben könnten, stellt eine Wiederauferstehung dar."

In einem dem Arbeitsamt vorgelagerten Bremer "Zentrum für Neue Arbeit" könnten Suchprozesse organisiert werden, die Erwerbslosen und von Erwerbslosigkeit bedrohten Menschen die Chance bieten, ihre eigenen Potentiale und Kräfte zu entdecken und wirksam werden zu lassen.

Inzwischen werden "Zentren für neue Arbeit" in verschiedenen Regionen (Thüringen, Kassel, Aachen ...) erprobt.

Für Bremen gäbe es vielfältige synergetische Verknüpfungschancen mit Beratungseinrichtungen (z.B. UBUS), mit Beschäftigungsträgern, mit gewerkschaftlichen oder kirchlichen Aktivitäten (z.B. Arbeit und Zukunft) oder in besonderen Fällen auch mit Auffanggesellschaften.

Baustein 9: Innovationsarbeit statt Sozialhilfe

Es gibt einen großen Bedarf an gesellschaftlich sinnvoller Arbeit. Gleichzeitig wissen viele Erwerbslose oft am besten, was gebraucht wird und was sie tun wollen und leisten können. Wenn ihre Ideen mit gesellschaftlichem Bedarf zusammengeführt werden, entstehen Initiativen "von unten", soziale Innovationen und vielfältige neue Arbeits- und Beschäftigungsperspektiven.

Konkreter Vorschlag: Auf der Basis und in Erweiterung des Programms "Hilfen zur Arbeit" schreibt die Senatorin für Soziales in einem Modellversuch 300 Innovationsverträge aus. Auf diese etwas höher als BSHG-19-Stellen bezahlten Erwerbsarbeitsplätze können sich SozialhilfeempfängerInnen mit konkreten eigenen Vorhaben bewerben.

Die Arbeitsideen können sehr unterschiedliche Projekte enthalten: vom Aufbau und der Betreuung von Kinderspielplätzen, der energetischen Sanierung von Wohn- oder öffentlichen Gebäuden, der Verbesserungen im Wohnumfeld, dem Aufbau und Betrieb von sozialen, ökologischen oder kulturellen Initiativen, außerschulischen Bildungsmaßnahmen bis hin zur Entwicklung und Erprobung von technischen oder sozialen Erfindungen. Der produktiven Phantasie sollten möglichst wenig Grenzen gesetzt werden. Auch Gruppenanträge sind möglich. Dabei sind Vernetzungen mit privaten Initiativen und öffentlichen Trägern denkbar, die auch bei der Vorbereitung der BewerberInnen hilfreich sein können.

Der "Innovationsvertrag" umfaßt auf der Basis einer "Arbeitsplatzbeschreibung" eine 6-monatige grundsichernd finanzierte Vorbereitungsphase, die in einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsvertrag übergeht.

Die fiskalischen Vorteile des "BSHG-19-Programms" für Bremen würden verbunden mit der Förderung von Kreativität und Engagement von bisher "alimentierten" Bürgerinnen und Bürgern und ihnen ermöglichen, abgesichert selbst gewählte Aufgaben zu erfüllen.
Entsprechende Innovationsverträge könnten auch durch andere Träger angeboten werden, z. B. die Bundesanstalt für Arbeit im Rahmen eines Modellversuchs für EmpfängerInnen von Arbeitslosenhilfe.

Baustein 10: Stipendien für Bürger-Arbeit

"Erwerbslos" sein heißt in der Regel nicht "Passiv-Sein". Viele Erwerbslose sind bereits heute meist unbemerkt von Behörden und Öffentlichkeit und ohne Honorierung aktiv. Sie leisten unbezahlte Arbeit, die weder öffentlich als "Arbeit" anerkannt noch materiell abgesichert wird. Auch die Bereitschaft, sich weiterzubilden und damit eigene Handlungsperspektiven zu erweitern geht in der öffentlichen Wahrnehmung häufig unter.

Vieles von dem, was in unserer Gesellschaft zu tun ist, kann nicht kapitalistisch organisiert und kann oder muß nicht in Erwerbsarbeit verwandelt werden. Deshalb ist der Bedarf an freiwilliger Bürger-Arbeit groß.

Denn wie stünde es um die Gesellschaft ohne AktivistInnen für Menschenrechte, ohne selbst ernannte Umweltschützer, ohne NachbarschaftshelferInnen, ohne Übungsleiter in Sportvereinen, ohne DirigentInnen von Stadtteilchören, ohne Organisatoren von Volksfesten, ohne Selbsthilfegruppen für ungewöhnliche Krankheiten, ohne AufbauhelferInnen in Katastrophengebieten, ohne Menschen, die gemeinsam mit nicht an Profit orientierten Organisationen sozial, kulturell oder ökologisch aktiv sind?

Zum Teil organisiert sich Bürger-Arbeit selbst, zum Teil benötigt sie Unterstützung: Know-How, Organisationshilfe, Infrastruktur, Anschubfinanzierung ...

Wenn mit dem Münchener Sozialforscher Ulrich Beck davon auszugehen ist, daß Bürger-Arbeit für das individuelle und gesellschaftliche Wohlergehen immer wichtiger wird, bedarf diese Form der Arbeit neuer Impulse und Unterstützung.

Bürgerarbeit ist im allgemeinen nicht oder nur wenig bezahlt, aber nicht "umsonst". Geben und Nehmen sind wichtig für das Selbstwertgefühl und die allgemeine Anerkennung der Bürger-ArbeiterInnen. Neben der vielfältigen, aber bislang kaum vorzeigbaren Qualifizierung, die sie vermittelt, den Sozialkontakten und dem Gewinn an Selbstbewußtsein, sollte Bürger-Arbeit auch in anderer Weise symbolisch und real honoriert werden, z. B. indem ihr Nachweis nützlich ist beim Zugang zu privaten und öffentlichen Einrichtungen, bei Bewerbungen um Qualifizierungsplätze und Erwerbsarbeit.

Wir schlagen dem Bremer Senat vor, Bürger-Arbeit stärker ins Licht zu rücken und z. B. in einem Modellversuch 500 Stipendien für Bürger-Arbeit auszuschreiben. Ziel der Stipendien ist es, materielle und zeitliche Voraussetzungen für gesellschaftliches Engagement in selbstgewählten Tätigkeiten zu schaffen und dafür BürgerInnen eine Grundsicherung anzubieten.

Der unbürokratische Charakter der Stpendien sollte durch die Art und Weise der Beantragung unterstrichen werden und die Vergabe durch ein möglichst unabhängiges Gremium erfolgen, in dem auch "gesellschaftliche Gruppen" und "Alt-Stipendiaten" mitwirken.

Wenn es sich bei den Stipendiaten um SozialhilfeempfängerInnen handelt, könnten sie finanziert werden aus umgewidmeten Sozialhilfemitteln und als Grundsicherung die "Hilfe zum Lebensunterhalt" eingesetzt werden. Bei kreativer Nutzung bereits bestehender Förderungsmöglichkeiten entstehen der öffentlichen Hand vermutlich nur geringe Mehrausgaben. Sie befreien aber die "EmpfängerInnen" von Sozialhilfe vom Gefühl der Entwertung und geben ihnen die Chance, als anerkannte Gemeinwohl-AktivistInnen tätig zu werden. Wenn es zusätzlich gelingt, UnterstützerInnen (z.B. Stiftungen, Unternehmen, gesellschaftliche Organisationen...) zum Mit-Tun zu gewinnen, können durch "public-private-partnership" die Stipendien ko-finanziert oder auch aufgestockt werden.

Vielleicht sind ergänzend auch völlig neue Organisationsformen der Bürger-Arbeit erforderlich und möglich. Beck fordert einen neuen Unternehmertyp, visionäre Pragmatiker als "Bürgerarbeits-Unternehmer", die die vielfältigen Hemmnisse für Bürger-Arbeit überwinden, innovatorische Fähigkeiten einsetzen, Menschen miteinander ins Gespräch bringen, ihnen ermöglicht Arbeit zu leisten, die sie befriedigt und der Gesellschaft nutzt. Erwerbs- und Bürgerarbeit könnten nach diesem Vorschlag auf phantasievolle Weise miteinander verknüpft werden und ineinander übergehen (vgl. Kommission für Zukunftsfragen ... 1997).

Baustein 11: Häuser der Eigenarbeit

Eigenarbeit als "lebenserhaltende Tätigkeit jenseits der Lohnarbeit" (Otto Ullrich) enthält eine Fülle von verdrängten Potenzen und Handlungschancen, die entweder verschüttet oder noch unentdeckt sind. Zeit ist eine wichtige, aber nicht die einzige Ressource, die Eigenarbeit benötigt. Nicht anders als bei der Erwerbsarbeit bedarf es geeigneter Räume, Vorprodukte, Werkzeuge, Informationen, Rechte, Kooperationen und Unterstützung durch gesellschaftliche Institutionen. Das von einer Stiftung getragene "Haus der Eigenarbeit" in München kann in diesem Sinne als Pionierunternehmen gelten (vgl. Redler 1991, Mutz, G. u. a. 1997).

Ein erstes "Haus der Eigenarbeit" in Bremen, das Räume, Werkzeuge, Informationen, Qualifikationen, Beratung und soziale Unterstützung für verschiedenste Formen der Eigenarbeit bieten könnte, wäre durch geschickte Bündelung unterschiedlicher Fördermittel (Sponsoring, Stiftungen, Landesprogramme...) mit privatem Engagement von Einzelpersonen oder engagierten Gruppen möglich. Dabei ist auch eine Verbindung mit bestehenden Einrichtungen, z. B. Bürgerhäusern, Berufsschulen, Gewerbebetrieben, denkbar (Stichwort: Stadtteil-Werkstatt).

"Häuser der Eigenarbeit" könnten synergetisch wirken und Raum und Unterstützung für die Erprobung neuer Konsumformen und geldfreien Tauschens bieten (in Bremen: "Tausch Watt").

Baustein 12: Neue Arbeit will gelernt sein

Noch immer fällt es vielen von uns schwer, überholte Vorstellungen von "Normalarbeit" zu überwinden und neue individuelle und gesellschaftliche, Zukunftsbilder zu entwerfen. Hieran hat das traditionelle Schulsystem - nicht zuletzt durch Verdrängung des gesellschaftlichen Problems Arbeit - bislang wenig geändert. Eine modernisierte Allgemeinbildung böte allen Jugendlichen die Chance, sich bereits in den allgemeinbildenden Schulen mit verschiedenen Zukunftsoptionen von Erwerbsarbeit, Eigenarbeit und Bürgerarbeit zu befassen (Stichwort: Zukunftswerkstätten) und diese praktisch zu erproben.

An unterschiedlichen Lernorten könnte eine gründliche technische, ökonomische und haushaltsbezogene Allgemeinbildung für alle angeboten, in Verbindung mit vielfältigen Praxiskontakten selbständige Lebenswegplanungen ermöglicht und die eigenständige, kreative Kombination verschiedener Formen der Arbeit vorbereitet werden.

Unternehmer und Gewerkschafter, Innovationsarbeiter, Stipendiaten für Bürger-Arbeit und Eigenarbeiter sind eingeladen, sich als "Lehrbeauftragte" zu engagieren und das entsprechende Lernfeld Arbeit - Technik - Wirtschaft mitzugestalten.

Auch für den außerschulischen Bildungsbereich sind entsprechend veränderte Konzeptionen weiterzuentwickeln und zu realisieren.

Zeit-Haben und Genießen-Können

In seinem gerade erschienenen Bericht "Wie wir arbeiten werden" fordert der Club of Rome dazu auf, Wohlstand neu zu definieren, denn gutes Leben in einer begrenzten Welt braucht kein unbegrenztes Wachstum.

Bei der Frage nach der Zukunft der Arbeit geht es letzlich um die Frage nach dem, was gutes Leben für jede/n von uns bedeutet. Während die einen vom Zugang zu Erwerbsarbeit ausgeschlossen sind, arbeiten die anderen zuviel. Bei einer Umverteilung der Arbeit könnten beide gewinnen (vgl. Matzner 1997). Robert Reich, erfolgreicher Arbeitsminister in Clintons Regierung, hat gekündigt. "Ich habe den besten Job, den ich je gehabt habe", schreibt er, "ich kann auch nicht genug davon bekommen. Aber ich habe gleichzeitig die beste Familie, die ich jemals haben werde." Lange habe er versucht, mit dem Terminkalender eine Balance zu finden. Es ging nicht, denn: "Teenager verlangen nach dir nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt. Deine Frau will nicht auf Befehl intim sein", und politische Krisen kommen nicht zwischen fünf und neun. Man muß sich entscheiden (vgl. Reich 1996).

Mathias Greffrath deutet Reichs Rücktritt als Zeichen eines Lebensmodells, in dem Raum für Genuß ist:

"Und der Raum für den Genuß - und für Liebe - ist nun einmal Zeit. ... Die Helden des kommenden Umbruchs werden mehr wollen als Konsumfreiheit. Und das geht nur, wenn auch in den spannenden Berufen die Arbeit so organisiert wird, daß Männer noch Zeit haben, mit ihren Kindern Abenteuer zu erleben, und Chefinnen die Liebe nicht mit dem Kalender planen. Revolutionen kommen zustande, wenn Wunsch und Not zusammenschießen. Die Notlage ist da: die Arbeitslosigkeit. Aber wie steht es mit unserem Wunsch, weniger zu arbeiten. Nicht um Arbeitsplätze für andere zu schaffen. Nicht einmal um des Ideals der Frauenemanzipation willen. Sondern weil wir genießen wollen: uns, die Frauen (die Männer; KB), den politischen Streit. Merke: Frauen gehen dahin, wo die Zukunft ist" (Greffrath 1996) - auch die Männer?

Literatur

Nachbemerkungen:

In der Schweiz wurde 1997 eine parteiübergreifende Gesellschaft für gerechte Arbeitsverteilung gegründet, die eine Volksinitiave zur Arbeitsumverteilung gestartet hat und - die Möglichkeiten der Schweizer Direktdemokratie nützend - Unterschriften für eine Volksabstimmung sammelt.

In den Niederlanden besteht laut Aussagen von Prof. Dr. Kees van Parodon vom 25.02.98 Konsens darüber, daß ein Recht auf individuelle Arbeitszeitverkürzung eingeführt wird. Die Tarifparteien haben zunächst zwei Jahre Zeit, entsprechende Vereinbarungen zu treffen. Sollten diese nicht zustande kommen, wird der Gesetzgeber aktiv werden.

AutorInnen:

Katja Barloschky arbeitet seit zehn Jahren im Bereich des sogenannten zweiten Arbeitsmarktes und ist derzeit Geschäftsführerin des Verbandes Bremer Beschäftigungsträger - Tel.: 0421-5360484.
Helmut Spitzley ist Professor für Arbeitswissenschaft im Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften der Universität Bremen und forscht in der ZWE Arbeit und Region - Tel.: 0421-2183085.